30. Oktober 2024
Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zogen Siedler aus dem deutschsprachigen Mitteleuropa in verschiedene Regionen des Russischen Reiches. Sie lebten in weitgehend autonomen und privilegierten Kolonien, pflegten die deutsche Sprache, Kulturen und Verwaltungsordnungen. Je nach Gebiet wurden sie als Wolgadeutsche, Wolhyniendeutsche oder Schwarzmeerdeutsche bezeichnet, der allgemeine Begriff Russlanddeutsche entstand erst im 20. Jahrhundert. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches 1871 begann für die Nachkommen der ersten Siedler eine schwierige Zeit: Die russische Regierung trieb die sogenannte Russifizierung voran, um keine „deutschen Spione“ im Reich zu fördern. Orte, die bisher ausschließlich deutsche Namen trugen, wurden ins russische übersetzt oder ganz verändert, der Schulunterricht wurde nun in russischer Sprache gehalten und die Befreiung von der Wehrpflicht wurde ausgesetzt. Von letzterem waren vor allem die mennonitischen Glaubensgemeinschaften stark betroffen, die den Dienst an der Waffe strikt ablehnen. Als Folge siedelten viele Familien nach Nord- und Südamerika aus. Während des Ersten Weltkrieges nutzen vereinzelte deutsche Familien die Heereszüge, um den Weg in das Deutsche Kerngebiet anzutreten. Die neue Sowjetregierung förderte zunächst die Selbstständigkeit der nationalen Minderheiten, an der Wolga wurde 1924 sogar die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen ausgerufen. Doch in den 1930er Jahren war die Hochstimmung dann jäh vorbei: Mit der sogenannten Stalinistischen Säuberungen wurde die Kollektivierung des Privateigentums begonnen und Menschen wurden aus unterschiedlichen Beweggründen der antisowjetischen Propaganda und konterrevolutionären Sabotage bezichtigt. Anklagen führten zu langen Haftstrafen oder direkt zum Tod. Auch ein Erlass gegen Deutsche gab es zu dieser Zeit, in welchem den Russlanddeutschen vorgeworfen wurde, mit dem Dritten Reich zu kollaborieren. Die Autonomen Regionen wurden daraufhin aufgelöst und Deportationen nach Zentralasien und Sibiriern veranlasst. Zwischen 1941 und 1946 verbrachten die meisten Russlanddeutschen ihr Leben in Arbeitslagern. Obwohl sich die Bedingungen für die deutschsprachigen Menschen in Russland nach dem Tod Stalins 1953 und dem Besuch von Konrad Adenauer 1955 etwas verbesserte, eine vollständige Rehabilitation und die Widerherstellung der Autonomie fand nicht statt. Auch wenn der Wunsch nach einer Auswanderung nach Deutschland immer mehr zunahm, konnte dies erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er verwirklicht werden. Es folgte eine Massenauswanderung nach Deutschland. Da das Schicksal vieler Familienangehörigen jedoch unklar war, ist es nicht verwunderlich, dass das Interesse an der Familienforschung bei den Auswanderern in Deutschland stieg. Man suchte nach den eigenen Wurzeln und nach Angehörigen, zu denen der Kontakt aufgrund der ersten Auswanderungswelle oder der Deportation in die Arbeitslager abgebrochen war. Doch die Ahnenforschung war und ist für viele noch weit mehr: Man sucht eine Gemeinschaft und nach dem Austausch, die Erfahrungen zu verarbeiten. So haben sich weltweit verschiedene Organisationen gegründet wie die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V. oder Jugend LmDR e.V. Auch heute noch leben Menschen mit deutschen Wurzeln in Russland. Quellen: Computergenealogie 3/2021 & Bundeszentrale für politische Bildung